Analyse von "Flitterwochen, dritter Tag"
In der vorliegenden Kurzgeschichte „Flitterwochen, dritter Tag“ von Gabriele Wohmann geht es im Großen und Ganzen um die Themen Beziehungsstörungen und Eheprobleme.

Darin unterhält sich einfrisch verheiratetes Paar in den Flitterwochen über die gemeinsame Zukunft. Dabei sehen sie aber aneinander vorbei: er sieht aufs Meer und beobachtet die Schiffe, sie starrt die Warze auf seiner Schulter an. Dabei ist ihr alles andere egal. Sie beschreibt ihren Ehemann als zwei verschiedene Person – Reinhard und den Mann mit der Warze. Erst am Schluss erfährt der Leser, das beide ihren Mann darstellen.

Die Geschichte ist wie ein innerer Monolog aufgebaut und zwischen den scheinbar nebensächlich wahrgenommenen Äußerungen Reinhards und Beschreibungen der Umgebung findet die Ich-Erzählerin immer neue Vergleiche für das Aussehen der Warze wie „ein Polyp“ (Z. 9), „eine Narrenkappe“ (Z. 24) oder Hühnerhaut (Z. 30), ja sogar das Werk eines neukatalanischen Architekten (Z. 44/ 45). Nur etwa die Hälfte des Textes handelt überhaupt von Reinhard und das meist in Form von unkommentierter Wiedergabe seiner Pläne und Liebesbeteuerungen. Sie reagiert mit Gleichgültigkeit und Desinteresse (Z. 12:„Warum nicht?“, Z. 34/ 35: „Gerede über alles“) und geht auch in ihren Gedanken nicht auf ein einziges Thema ein. Auch ihre Beziehung beurteilt sie nicht besonders positiv: „Gewitter stand unmittelbar bevor, unser Zusammenleben auch,...“ Durch diese Anordnung der Worte erscheint ihre Ehe geradezu bedrohlich, obwohl sie sich eigentlich darauf freuen sollte. Sie scheint auch nicht besonders viel von ihm zu wissen („Z. 22/ 23: Reinhards Lieblingsgerichte, dann meine.“), geschweige denn ihn zu lieben (Z. 21/ 22: „was man sich so zunuschelt, kurz nach der Hochzeit“). Angesichts seiner offensichtlich ziemlich häufigen Blicke durchs Fernglas hinunter auf den Strand – nicht auf die Schiffe, die er vorschiebt (Z. 38/ 39: „Reinhard schützte wiedermal ein Schiff vor“) – und der Tatsache, dass die Frau diese Blicke als „Seitensprünge“ (Z. 55) bezeichnet, kann man vermuten, dass auch er nicht besonders viel für sie empfindet. Allein der Ort des Geschehens, eine Bierkneipe – und das am späten Nachmittag – erscheint nicht besonders romantisch. Die zweigespaltene Beschreibung des Ehemannes als „Reinhard“ und „der Mann mit der Warze“ macht deutlich, dass die Frau im Grunde nur Reinhards gute Eigenschaften geheiratet hat und die Warze, stellvertretend für seine schlechten Eigenschaften, bisher überhaupt nicht bemerkt hat, sodass sie ihre Heirat jetzt bereut. Die Warze kann auch für die Beziehung der beiden stehen, mit „Fangarmen“ (Z. 23) engt sie die Frau in ihrer Freiheit ein, ein „vertraulicher Vielfuß“ (Z. 56), der sich ihr aufdrängt und ein unsicheres Gebilde, das größerem Druck nicht standhalten könnte („schmerzen“ würde, Z. 48 – 50). Die Tatsache, dass diese Inkanation ihrer Zweifel ein physiognomisches Merkmal ist, lässt die Beziehung sehr oberflächlich erscheinen. Insgesamt macht es den Eindruck, als sei diese Ehe eher eine Zweckgemeinschaft („Wohnung mit ihrer günstigen Lage“, Z. 12/ 13). Das sieht man auch daran, dass sie weder gegen die allzu klischeehafte Lebensplanung oder die scheinbar selbstverständliche Rollenverteilung des arbeitenden bestimmenden Mannes und der treusorgenden Hausfrau (“Hauptsache, du bist du bist dein blödes Büro los“, Z. 35/ 36) noch gegen die „Seitensprünge“ durchs Fernglas oder seine abgedroschenen und stereotypen Liebesbeteuerungen protestiert.

Der beschriebenen Beziehungsstörung liegt ein gravierendes Kommunikationsproblem zugrunde. Die Ehepartner nehmen einander überhaupt nicht richtig war: er starrt hinunter auf den Strand, sie fixiert geistesabwesend die Warze auf seiner Schulter. Dabei ermöglicht, dem erweiterten Organon-Modell nach, erst der Kontakt eine gelungene Kommunikation. Selbst in den Gedanken der Frau spielt keine der von ihrem Mann angesprochenen Themen eine Rolle. Das kann man am Besten anhand von Friedemann Schulz von Thuns Modell erläutern. Demnach besitzt jede Nachricht neben der bloßen Information auch noch eine Appellfunktion, die den Empfänger beeinflussen soll, eine Selbstoffenbarung des Senders, ob freiwillig oder nicht, und Informationen zur Beziehung von Sender und Empfänger. Die Nachricht wird hier aber nur auf der Sachebene wahrgenommen und gar nicht decodiert. Die Empfängerin reagiert dementsprechend wortkarg. Aber nicht nur die Sprache selbst dient der Kommunikation – Mimik, Gestik und Tonfall nennt Watzlawick die analoge Kommunikation. Auch hier besteht eine Störung. Die nonverbale Ebene wird von beiden nicht erkannt, was besonders tragisch ist, da sich die Frau scheinbar nahezu ausschließlich auf diese Weise mitteilt, beispielsweise durch das ständige Starren auf die Warze und möglicherweise einen daraus resultierenden Ausdruck von Ekel in ihrem Gesicht. Auch die Haltung des Mannes, vermutlich ihr etwas abgewandt, immer wieder aufs Meer blickend, kann Aufschluss über ihn und seine Beziehung zu ihr geben. Die Lösung dieses Kommunikationsproblems wäre Metakommunikation, also über ihre Kommunikation zu sprechen. Zumindest könnten sie den anderen dann verstehen und ihre Zukunft gemeinsam planen, bei einer Zweckheirat würde es allerdings keine glückliche Ehe ermöglichen, denn das erfordert Liebe.


von "silent_water88"


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