Interpretation „Das Brot“ von Wolfgang Borchert
Wolfgang Borchert veröffentlichte die Kurzgeschichte „Das Brot“ 1949 in Deutschland.
Die Geschichte handelt von einem alten Ehepaar, das unter Hunger leidet.

Da die Hauptpersonen hungern, der Text in der Nachkriegszeit erschienen ist und Borchert oft Geschichten über die Nachkriegszeit geschrieben hat, nehme ich an, dass auch dieses Geschehen in der Nachkriegszeit stattfindet.
Mitten in der Nacht wacht die Frau auf und nach wenigen Momenten bemerkt sie die Abwesenheit ihres Mannes.
Sie geht vom Schlafzimmer in die Küche, schaltet das Licht ein und findet ihren Mann. Ihr fällt auf, dass der Mann Brot abgeschnitten haben muss, denn ein Messer liegt auf dem Küchentisch und Brotkrumen, obwohl sie abends das Tuch säubert.
Der Mann gibt vor in der Küche zu sein, weil er ein Geräusch gehört habe, sie pflichtet ihm bei und beide versuchen die Situation zu überspielen, indem sie immer wieder behaupten, sie hätten etwas gehört.
Schließlich erklären sie sich das angebliche Geräusch durch die Dachrinne, die bei Wind gegen das Haus schlägt.
Doch die Frau ist enttäuscht, weil sie weiß, weshalb der Mann wirklich in der Küche war und er ihr nicht die Wahrheit sagt, obwohl sie schon 39 Jahre verheiratet sind.
Sie entschließen sich wieder ins Bett zu gehen, sie atmet regelmäßig, um den Eindruck zu erwecken, sie schlafe. Sie bleibt wach, doch das, nach einer Weile einsetzende, regelmäßige Kauen ihres Mannes bringt sie zum Einschlafen.
Am nächsten Tag gibt sie ihm eine Scheibe ihrer Portion Brot mit der Erklärung, sie vertrage das Brot abends nicht gut.
In dem Mann löst das eine Reaktion aus, denn er beugt sich tief über den Teller. Die Frau bleibt noch eine Weile stehen und setzt sich erst dann an den Tisch.

Das Handeln des Mannes hat die Frau sehr verletzt, denn er hat sie angelogen, obwohl sie seit „...neununddreißig Jahren verheiratet waren.“ (Z. 30, 31).
Sie sieht, dass er sich Brot abgeschnitten haben muss, denn „auf der Decke lagen Brotkrümel.“, obwohl sie bevor sie zu Bett geht „...immer das Tischtuch sauber“ (Z. 14) macht.
Er flüchtet in die Ausrede, er hätte ein Geräusch gehört und sie stimmt ihm zu, vielleicht weil sie ihn nicht bloßstellen möchte.
Wie verletzt sie ist, wird durch den Vergleich „Sie fühlte, wie die Kälte der Fliesen langsam an ihr hochkroch.(Z. 16, 17) unterstrichen.
Sie fühlt nicht nur, wie ihr Körper abkühlt, sondern auch ihre Gefühle werden eisig, weil sie so verletzt ist.
Durch den Vertrauensbruch werden sich beide ihrer neuen Situation bewusst und sehen sich plötzlich ganz anders. Er findet, dass sie „...im Hemd ... doch ziemlich alt“ aussieht. Doch „...das liegt vielleicht an den Haaren.“ (Z. 23, 24), wie er findet.
Sie denkt das Gleiche von ihm, nämlich, „dass er nachts im Hemd doch schon recht alt aussah.“ (Z. 21).
Beide sehen sich durch die Situation vollkommen anders, denn für sie hat sich einiges geändert, sie sind nicht mehr dieselben wie vor 39 Jahren und das wird ihnen mit einem Schlag bewusst.
Beide wissen nicht recht, wie sie sich verhalten sollen und so beschränkt sich ihr Gespräch auf Wiederholungen, deren Inhalt immer ungefähr lautet wie „Ich dachte, hier wär was“ (Z. 18), „...es war wohl nichts.“ (Z. 35) und „Es war wohl die Dachrinne.“ (Z. 54).
Durch diese Wiederholungen von Zeile 18-56 wird die peinliche Situation verdeutlicht. Diese zwei Menschen kennen sich seit über 39 Jahren, glauben sich zu lieben und stellen nun fest, dass sie hintergangen worden sind oder in der Lage sind, den Menschen, den sie wahrscheinlich am meisten lieben, zu hintergehen.
Die ganze Situation ist einfach nur peinlich. Der Mann bestiehlt und belügt seine Frau und sie ist nicht fähig ihn darauf anzusprechen.
Ob man da noch von Vertrauen sprechen kann, halte ich für fraglich.
Dass der Hunger den Mann zum Äußersten treibt wird eigentlich nur noch mal darin bestätigt, dass er abwartet, bis sie eingeschlafen ist und erst dann anfängt zu kauen, er ahnt nicht, dass sie „absichtlich tief und gleichmäßig atmet, damit er nicht“ merkt, „dass sie noch wach“ (Z.63,64) ist.
Obwohl er eigentlich wenigstens befürchten müsste, dass seine Frau ihn durchschaut hat, isst er das Brot. Dadurch ist der Vertrauensbruch in meinen Augen perfekt, noch mehr hintergehen kann man einen Menschen für mich nicht.
Am nächsten Tag gibt sie ihm vier Scheiben Brot, statt drei, sie isst dafür nur zwei Scheiben. Sie haben ihr Brot portioniert, jedem stehen pro Tag drei Scheiben zu.
Ihm ist es unangenehm, dass sie seinetwegen auf eine Scheibe Brot verzichtet, doch sie behauptet, dass sie „...dieses Brot nicht so recht vertragen.“ (Z.70) kann.
Meiner Meinung nach handelt sie so, weil sie es nicht ertragen kann, dass er ihr ins Gesicht lügt.
Um wenigstens in Zukunft solche Lügen zu verhindern und eventuell das Vertrauen wieder einigermaßen herzustellen.
Durch diese Handlung wird dem Mann erst bewusst, dass die Frau genau weiß, weshalb er letzte Nacht in der Küche war, in diesem Moment sinkt er in sich zusammen und „Sie sah, wie er sich tief über seinen Teller beugte.“ (Z. 73).
Ich denke, dass ihm in diesem Moment die Tragweite seiner Lüge und seines Handelns bewusst wird. Ihm ist klar, dass er die Beziehung zu seiner Frau nun grundliegend verändert hat.
Genau „In diesem Augenblick tat er ihr Leid.“ (Z. 73). Das kann ich gut verstehen, denn sie liebt diesen Mann und es ist nie leicht einen Menschen, der absolut gebrochen ist, zu sehen, schon gar nicht, wenn man ihn liebt.
In diesem Augenblick tut auch mir der Mann Leid, denn er wollte das nicht. Er wollte nicht, dass die Frau ihm zuliebe auf ihr Brot verzichtet. Natürlich wollte er mehr Brot, aber er wollte es nicht auf diese Weise.
Den ganzen Rest der Geschichte konnte ich nicht verstehen, wie er sie so hintergehen konnte, aber in diesem Moment tut er mir einfach nur Leid, denn ich glaube nicht, dass er sie hintergangen, weil sie ihm egal ist.
Wäre sie ihm einfach egal, hätte er sich einfach Brot genommen oder es von ihr gefordert, aber das ist nicht sein Charakter, es tut ihm Leid und wahrscheinlich kann er sich selbst nicht verstehen und für ihn bricht eine ganze Welt zusammen.
Wahrscheinlich hätte auch er das nie von sich erwartet.
Und das sie sich „Erst nach einer Weile...unter die Lampe an den Tisch.“ (Z. 78,79) setzt, erkläre ich mir so, dass auch sie versucht Verständnis für das Handeln ihres Mannes aufzubringen.

Durch die Kürze der Sätze will Borchert meiner Meinung nach die Kurzlebigkeit und die Vergänglichkeit ausdrücken.
Ein Moment ist schnell vorbei, kommt nie wieder zurück und kann doch viel verändern, für jeden von uns.
Insgesamt glaube ich, dass Borchert sagen will, dass die Liebe zwar stark ist, ist Ausnahmezuständen jedoch so etwas wie einem menschlichen Instinkt unterliegt.
Ich glaube nicht, dass der Mann je das Brot angerührt hätte, hätte er nicht das Gefühl gehabt, dass das Brot wichtig für ihn ist.
Die Frau ist zwar in der Lage aus Liebe ihren Hunger zu überwinden, doch ob sie das auf Dauer geschafft hätte, wage ich zu bezweifeln.
Ich glaube nicht, dass viele Leute wie die Frau gehandelt hätten, denn jeder wäre enttäuscht und verletzt gewesen, einige hätten wahrscheinlich einen Streit angefangen, andere sich vom Partner zurückgezogen.
Aber nur die wenigsten wären stark genug gewesen, für ihren Partner auf lebensnotwendige Nahrung zu verzichten.


- Anni -


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